{"id":158,"date":"2021-12-25T17:55:29","date_gmt":"2021-12-25T17:55:29","guid":{"rendered":"https:\/\/von-anderen-medien.de\/?page_id=158"},"modified":"2025-09-12T22:07:42","modified_gmt":"2025-09-12T22:07:42","slug":"kleine-geschichten-und-widerwaertige-maschinerien-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/gregory.es\/index.php\/medien-geschichte\/kleine-geschichten-und-widerwaertige-maschinerien-2\/","title":{"rendered":"Kleine Geschichten und widerw\u00e4rtige Maschinerien"},"content":{"rendered":"<p>Gespr\u00e4ch mit Johannes Hess und Fabian Kirchherr. In: <a href=\"http:\/\/www.uni-weimar.de\/projekte\/eject\/wordpress\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>eject. Zeitschrift f\u00fcr Medienkultur<\/em>, <\/a>Ausgabe 7: &#8222;Das Kleine&#8220;, Weimar 2017, S. 118-143.<\/p>\n<p><strong>Lieber Herr Gregory, Ihr erstes Buch tr\u00e4gt den Titel Wissen und Geheimnis. Das Experiment des Illuminatenordens.\u00a0 Ihr zweites Buch hei\u00dft Mysterienfieber. Das Geheimnis im Zeitalter der Freimaurerei. Was interessiert Sie am Geheimnis?<\/strong><\/p>\n<p>Gerade in der Besch\u00e4ftigung mit der Freimaurerei st\u00f6\u00dft man schnell darauf, dass hinter manchen Geheimnissen, die den Leuten wahnsinnig interessant vorkommen, einfach nichts ist. In einem Roman aus der Logenwelt des 18. Jahrhunderts wird bezeichnenderweise gesagt, dass das Geheimnis \u201eein verdeckter leerer Raum&#8220; sei. Es gibt also unter Freimaurern immer auch den Verdacht, dass sie selbst es sind, die die Geheimnisse produzieren, von denen sie sich faszinieren lassen. Das hat mich zu der allgemeineren Frage gef\u00fchrt, wie Geheimnisproduktion funktioniert und was f\u00fcr Kulturtechniken der Geheimnisproduktion es gibt. Ich bin dabei auf bestimmte Konstanten gesto\u00dfen: Man braucht immer ein Medium der Verbergung, ein Medium des Entzugs, das etwas Zuhandenes au\u00dfer Reichweite setzt, also dem Zugriff entzieht. Das sind in vielen F\u00e4llen optische Hindernisse, also beispielsweise Vorh\u00e4nge, Schleier oder Gew\u00e4nder, die etwas verdecken und damit andeuten, dass sich Unaussprechliches oder Unfassbares hinter dieser Barriere verbirgt. Bei den Freimaurern gibt es einen unglaublichen Kult um Medien der Verbergung wie Schl\u00f6sser, Schl\u00fcssel, verdeckte Tapetent\u00fcren, doppelte W\u00e4nde oder Hohlr\u00e4ume aller Art, wie Kisten, K\u00e4sten, Truhen, die mit martialischen Schl\u00f6ssern versehen werden. Auf diese Weise wird angedeutet, dass sich in diesen Beh\u00e4ltnissen etwas sehr Wertvolles oder Gesch\u00e4tztes befindet. Diesen Praktiken der Verbergung entsprechen auf der anderen Seite Momente der kontrollierten Entbergung. Die ganze Verbergung w\u00fcrde nicht funktionieren oder auf Dauer glaubhaft sein, wenn man nicht gelegentlich den Schleier ein St\u00fcck weit \u00f6ffnen w\u00fcrde, um in einem spektakul\u00e4ren Moment anzudeuten: Jetzt werden die Geheimnisse enth\u00fcllt, jetzt wird der Zugang geschaffen. Die Entbergung findet dann h\u00e4ufig unter Umst\u00e4nden statt, die eine klare Wahrnehmung nicht erm\u00f6glichen &#8211; zum Beispiel Dunkelheit oder Rauch.<\/p>\n<p>Das ist ein Mechanismus, der in den Logen bis zum Exzess getrieben wird und der daf\u00fcr sorgt, dass dieses \u203aGesellschaftsspiel\u2039, wie ich es genannt habe, der Geheimnispflege im 18. Jahrhundert eine unglaubliche Beliebtheit hat &#8211; es wird von Menschen in ganz Europa gewisserma\u00dfen als Freizeitsport betrieben. Ich denke, die Sache war deshalb so erfolgreich, weil dieser Doppelmechanismus aus Ver\u00adbergen und Entbergen dem gew\u00f6hnlichen Mechanismus unseres Begehrens entspricht. Wir investieren immer wie\u00adder in bestimmte Objekte: Liebesobjekte oder Waren, eine bestimmte Neugier oder bestimmte Phantasien. Mit dieser Suggestion des Geheimnisvollen haben die Freimaurer, auch wenn sie sonst nicht viel geleistet haben, einen Mechanismus entdeckt, der f\u00fcr die heutige Massenkultur, beispielsweise in Werbung und Marketing, elementar geworden ist. Sie haben verstanden, wie Begehren funktioniert, und haben danach einen bestimmten kulturtechnischen Apparat in Gang gesetzt, wie ihn sp\u00e4ter auch Marketing- und Medienleute bedient haben, mit noch gr\u00f6\u00dferer Perfektion.<\/p>\n<p><strong>Sie sehen in diesem Paar aus Verbergen und Entbergen eine Konstante, die von der Zeit der Freimaurer bis heute Wirkung zeigt. Formiert sich diese Konstante mit den Freimaurern oder reicht sie weiter zur\u00fcck?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, es ist ein Grundzug unserer abendl\u00e4ndischen Kultur, dass es bestimmte Momente der Auratisierung \u2013 der Heiligung k\u00f6nnte man sagen \u2013 gibt, die mit solchen Techniken des Entzugs zu tun haben. Vom antiken Mysterien-Theater \u00fcber die christlichen Weihe-Fest\u00adspiele und Liturgie usw. bis zu heutigen politischen oder auch massenkulturellen Inszenierungen. Das ist eigentlich ein bedauerlich einfacher Mechanismus. Man kann sagen, es ist schade, dass wir so einfach ticken: Wir begehren das, was man uns verbietet oder was man uns als rar und geheimnisvoll verkauft.<\/p>\n<p><strong>Man k\u00f6nnte darin einen Produktions-Katalysator sehen.<\/strong><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte es letztendlich sogar als creatio ex nihilo beschreiben. Angenommen \u2013 gegen die Intuition der Freimaurer oder der Gl\u00e4ubigen selbst \u2013, dass hinter dem Geheimnis nicht viel ist, so wird doch um diesen leeren Kern herum eine unglaubliche Aktivit\u00e4t in Gang gesetzt. Diese Aktivit\u00e4t k\u00f6nnte man eine parasit\u00e4re \u00d6konomie nennen, in dem Sinn, in dem Michel Serres den Begriff des Parasit\u00e4ren verwendet hat: eine \u00d6konomie, die nicht auf gebrauchswerteschaffender Arbeit beruht, sondern auf kleinen Operationen der Abzweigung und Entwendung. So wird durch den simplen, unscheinbaren Mechanismus der Verbergung und Entbergung laufend Mehrwert, d.h. Sinn geschaffen, ein einfacher \u00f6konomischer Trick, der unsere ganze Massenkultur am Laufen h\u00e4lt.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang finde ich das heutige Ph\u00e4nomen des Leakens interessant. Man k\u00f6nnte einerseits denken: tolle neue Art des Wahrsprechens f\u00fcr jemanden, der den Mut hat, sich gegen eine Verschw\u00f6rung der Unwahrheit zu erheben und Verbrechen aufzudecken. Auf der anderen Seite habe ich durch die Gew\u00f6hnung an die freimaurerische Geheimnisaufbl\u00e4hung immer den Verdacht, dass diese ganze Kultur des Leakens in gewisser Weise dazu da ist, unser Interesse an die elendsten Formen des Politikbetriebs zu binden und damit jeden Gedanken an eine andere m\u00f6gliche Politik zu verhindern. Wie sollen wir jemals politisch zur Besinnung kommen oder uns fragen, was wir eigentlich wollen, wenn wir st\u00e4ndig in einer Hysterie der Aufdeckung und der Emp\u00f6rung und des Weiterspinnens der herrschenden Machenschaften gefangen bleiben? Emp\u00f6rung ist gut und sch\u00f6n, aber viel\u00ad leicht w\u00e4re es besser, eine radikale Abkehr von dieser ganzen Politik der lnformationsaufsparung, Informationsenthaltung und Informationsfreigabe zu betreiben.<\/p>\n<p><strong>Neben der Produktion von Geheimnissen interessiert Sie auch eine sehr spezielle Form der Entbergung: der Verrat. Worum geht es dabei?<\/strong><\/p>\n<p>Mich interessiert, wie durch einen winzigen Sprechakt \u2013 &#8222;Der und der sitzt in einem Keller in der XY-Stra\u00dfe, dort k\u00f6nnt ihr ihn finden.&#8220; oder \u201eIch sage euch jetzt mal den Anfangsbuchstaben des Namens von der Person die ihr sucht.&#8220; \u2013 oder durch einen Federstrich oder \u00e4hnliches, also durch sehr kleine Handlungen, im Leben eines Subjekts eine unglaubliche Umkehrung ausgel\u00f6st werden kann \u2013 Deleuze und Guattari nennen das eine k\u00f6rperlose Transformation. (1) Mich interessiert der winzige Stups im Leben eines Menschen, der den Verlust seines ganzen Koordinatensystems, seines ganzen symbolischen Bezugssystems, seiner \u201eWelt&#8220; bedeuten kann. Das ist eine Erfahrung, die Verr\u00e4ter immer wieder beschreiben: dass sie in ein Nichts fallen, sobald sie ihren Verrat begangen haben, dass sie sich in einem Zustand \u201eau\u00dferhalb des Seins&#8220; befinden. Hier geht es also darum, wie die kleinstm\u00f6gliche Geste die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Katastrophe ausl\u00f6sen kann: das Verschwinden einer Welt.<\/p>\n<p><strong>Solche Momente des \u00dcbergangs lassen sich als Schwellenmomente beschreiben. Diese tauchen als Motiv in vielen ihrer Projekte auf. Hat das einen bestimmten Grund?<\/strong><\/p>\n<p>Unter anderem, weil ich das Gef\u00fchl habe, dass solche Schwellenmomente, vielleicht weil sie dem Reich des Kleinen angeh\u00f6ren, in der Geschichtsschreibung nicht ausreichend ber\u00fccksichtigt worden sind. Geschichtserz\u00e4hlungen kommen ja \u00fcblicherweise immer wieder auf die Idee einer gro\u00dfen Trennung zwischen verschiedenen geschichtlichen Einheiten zur\u00fcck. Fr\u00fcher hat man von Epochen gesprochen, bei Canguilhem oder Bachelard hei\u00dft es epistemischer Einschnitt, und Foucault spricht vom Bruch zwischen verschiedenen Epistemen. Gemeint ist, dass es immer eine bestimmte, abgrenzbare Formation gibt, dann kommt ein radikaler Bruch und danach gibt es etwas ganz anderes. Foucault selbst kommt in seiner Arch\u00e4ologie des Wissens in einer ganz merkw\u00fcrdigen Formulierung auf die Frage zu sprechen, was denn eigentlich zwischen diesen Platten oder Bl\u00f6cken ist. Er sagt dann einfach, dass es ein r\u00e4tselhafter \u00dcbergang sei. Er beschreibt diesen zwar als katastrophisches Ereignis, aber es bleibt unklar, was genau passiert. In all meinen Arbeiten versuche ich, den Spalt zwischen den Einheiten, zwischen den Epistemen, genauer ins Auge zu fassen. Das hei\u00dft, nicht von den gewordenen Formationen auszugehen, sondern ihr Werden zu beobachten. Dabei kommt zwangsl\u00e4ufig die Mikro-Perspektive ins Spiel: Man kann sich vorstellen, was es hei\u00dft, beispielsweise den \u00dcbergang zwischen der klassischen Episteme und der humanwissenschaftlichen Episteme zu beschreiben: Das ist ein unglaubliches, \u00fcber ganz Europa ausgebreitetes und verteiltes Geschehen von diskursiven Ereignissen. Daher ist es notwendig, sich auf einzelne Komplexe oder einzelne Situationen, die man in diesem Schwellenraum situiert, zu konzentrieren und diese einer genauen Beobachtung zu unterziehen. Man versucht, eine m\u00f6glichst detaillierte Beschreibung von diesen Ereignissen des Werdens in einem begrenzten Raum zu liefern, wohlwissend, dass man damit nicht &#8218;alles&#8216; einfangen kann. Aber man hat damit die M\u00f6glichkeit, sich \u00fcberhaupt in diesen Spalt oder Zwischenraum hineinzubegeben und zu sehen, was da passiert.<\/p>\n<p><strong>Und wenn man so einen Detailblick auf zeitlich und \u00f6rtlich begrenzte Ereignisse richtet, verschwinden dann die gro\u00dfen Br\u00fcche zwischen den Bl\u00f6cken?<\/strong><\/p>\n<p>Mir ist in meiner Arbeit aufgefallen, dass man nicht so leicht darum herumkommt, solche Trennungen vorzunehmen. Historische Erkenntnis beruht darauf, Unterscheidungen zu treffen und willk\u00fcrliche Einschnitte vorzunehmen. Allerdings bin ich im Rahmen meiner Forschungen f\u00fcr das Illuminaten\u00ad-Projekt dazu gekommen, mir solche Z\u00e4suren nicht mehr in einer Bildlichkeit von Block und Bruch, von Platte und Einschnitt vorzustellen, sondern als Risse in einem St\u00fcck Filz. Wenn man Filz zerrei\u00dft, h\u00e4lt man Fransen in der Hand. Man kann schon Grenzen erkennen, aber es gibt keine klaren Bruchkanten. So w\u00e4re es vielleicht besser, nicht von Br\u00fcchen oder Einschnitten zu reden, sondern von unvollst\u00e4ndigen Rissen, von Rissen, die immer noch durch zahlreiche F\u00e4den zwischen Altem und Neuem \u00fcberbr\u00fcckt werden. So z.B. im Fall der ber\u00fchmten, h\u00f6chst fragw\u00fcrdigen Z\u00e4sur zwischen Mittelalter und Neuzeit: Man kann diese Unterscheidung wahrscheinlich kaum vermeiden, dazu erkl\u00e4rt sie zu viel. Auf der anderen Seite aber muss man sich bewusst sein, dass es keinen glatten Schnitt gibt, dass es einerseits nat\u00fcrlich auch im Mittelalter schon die \u2013 aus heutiger Sicht -\u2013 modernsten Entwicklungen gab, und dass sich umgekehrt bis ins 19. Jh. hinein zahlreiche Br\u00e4uche, Traditionen und Denkweisen des Mittelalters erhalten haben. Man k\u00f6nnte also von Str\u00e4ngen reden, die sich in unterschiedlicher Weise \u00fcberlappen, dabei aber nie dieses Bild eines eindeutigen, datierbaren Bruchs ergeben.<\/p>\n<p><strong>Warum ist die Mikroperspektive ein geeignetes Werkzeug zum Operieren in diesen filzigen \u00dcberg\u00e4ngen?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist eine Technik, die eher aus der Not geboren ist. Ich denke, es ist anders nicht m\u00f6glich, mit solchen Materialmassen umzugehen. Man muss dazu sagen, dass die Foucaultsche arch\u00e4ologische Methode oder das, was er auch als Diskursanalyse bezeichnet, ein Versuch ist, mit gro\u00dfen Datenmengen umzugehen. Es handelt sich um den Versuch, unter sehr vielen \u00c4u\u00dferungen ein Muster der Auftrittswahrscheinlichkeit und der Anschlusswahrscheinlichkeit zu finden, also eine Art serielle Analyse kultureller Ph\u00e4nomene zu einer bestimmten Zeit zu liefern. Ich denke, das hat mit der seriellen Geschichtsschreibung der 1960er Jahre zu tun, wo man zum ersten Mal die M\u00f6glichkeit gehabt hat, Massenquellen mit dem Computer auszuwerten, beispielsweise zur \u00d6konomiegeschichte. Mit dieser Methode kommt man eher dazu, gro\u00dfe Formationen festzustellen, Muster und Strukturen freizulegen, aber nicht die einzelnen Ereignisse zu betrachten. Letztendlich hat die Diskursanalyse oder Arch\u00e4ologie nach Foucault einen grunds\u00e4tzlich zusammenfassenden Zugriff auf verstreute Ereignisse. Es geht darum, aus verstreuten Aussagen ein bestimmtes Muster zu rekonstruieren oder eine bestimmte epistemische Formation greifbar zu machen. Foucault geht es eigentlich an keiner Stelle ums Detail, es geht ihm nicht um die einzelnen Schriften oder Zeugnisse von Menschen, die zu einer bestimmten Zeit gelebt haben, sondern es geht ihm letztendlich um die gro\u00dfen Mechanismen der Diskursproduktion. Das ist eine absolut unverzichtbare Art, das Ganze in den Blick zu nehmen, aber gleichzeitig w\u00fcrde ich sagen, dass es f\u00fcr Mediengeschichte auch darauf ankommt, die Zwischen\u00adr\u00e4ume zu untersuchen, von denen Foucault nur als R\u00e4tsel sprechen kann. Gerade mediengeschichtliche Entwicklungen k\u00f6nnen unter Umst\u00e4nden dar\u00fcber Aufschluss geben, wie man von der einen Episteme in die andere kommt und welche \u2013 nat\u00fcrlich erstmal nur zuf\u00e4lligen \u2013 Ver\u00e4nderungen zur Er\u00f6ffnung einer neuen Wissensformation f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Wenn man davon ausgeht, dass der Wechsel der Episteme und die Medienentwicklung zusammenh\u00e4ngen, k\u00f6nnte man dabei auch schnell an eine Geschichte der \u201eGro\u00dfen Medien&#8220; denken. Eine solche Form der Geschichtserz\u00e4hlung\u00a0\u00a0 problematisieren Sie selbst in einem Diskussionspapier f\u00fcr die AG\u00a0 Mediengeschichte und vergleichen sie mit einer Geschichte der \u201egro\u00dfen M\u00e4nner&#8220;. (2) Diese Art der Mediengeschichte firmiert als Medienarch\u00e4ologie, die Geschichte als lineare Entwicklung hin zur Digitalisierung schreibt. Deckt sich das noch mit Foucault?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, dass die Foucaultsche Arch\u00e4ologie ein Versuch ist, die Geschichtsschreibung vom Ballast der Fortschrittserz\u00e4hlung zu befreien \u2013 eine mir sehr sympathische, anti-teleologische Form der Geschichtsschreibung. Zugleich habe ich das Gef\u00fchl, dass es bei einigen, die in der Kittler-Tradition stehen, eine Verwendung des Begriffs ,Arch\u00e4ologie&#8216; gibt, die dem eigentlich widerspricht. Wenn beispielsweise Wolfgang Ernst zugesteht, dass man sich durchaus auch mal mit Kulturtechniken befassen kann \u2013 aber letztendlich nur im Lich\u00adte der Erkenntnisse, die wir heute \u00fcber das Funktionieren der symbolischen Maschinen gewonnen haben \u2013 , dann glaube ich, dass das eine R\u00fcckprojektion unseres eigenen, heutigen Wissens \u00fcber den Computer auf vergangene Zeiten ist. Letztendlich hat das mit dem Foucaultschen Projekt einer vorurteilslosen, distanzierten Analyse des Vergangenen nicht viel zu tun. Ich w\u00fcrde mir unter Medienarch\u00e4ologie gerade eine radikale Enthaltung vorstellen, die sagt, wenn wir wissen wollen, wie zu einer bestimmten Zeit vermittelt wurde und wer oder was dabei als ,Medium&#8216; wirksam wurde, dann m\u00fcssen wir unser heutiges technisches Medienwissen komplett ausklammern und uns in sehr genauer Weise ansehen, wie die Vermittlungsoperationen der jeweiligen vergangenen Kultur funktioniert haben. Ich denke, wenn es einem als Mediengeschichtler darauf ankommt, nicht immer nur Abenteuergeschichten zu erz\u00e4hlen, die auf unsere tolle Gegenwart hinauslaufen, dann muss man eher diese radikale Ausklammerung vornehmen und sagen: Wir wissen gar nichts \u00fcber diese Zeit und sehen uns erstmal in Ruhe an, was da eigentlich l\u00e4uft.<\/p>\n<p><strong>Es gibt eine Stelle in Foucaults Ordnung des Diskurses, wo er Gr\u00fcnde liefert, Arch\u00e4ologie zu betreiben:<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8222;Die geringf\u00fcgige Verschiebung, die hier f\u00fcr die Geschichte der Ideen vor\u00ad geschlagen wird und die darin besteht, da\u00df man nicht Vorstellungen hinter den Diskursen behandelt, sondern Diskurse als geregelte und diskrete Serien von Ereignissen &#8211; diese winzige Verschiebung ist vielleicht so etwas wie eine kleine (und widerw\u00e4rtige) Maschinerie, welche es erlaubt, den Zufall, das Diskontinuierliche und die Materialit\u00e4t in die Wurzel des Denkens einzulassen. Drei Gefahren, die eine bestimmte Form der Historie zu bannen versucht, indem sie das kontinuierliche Ablaufen einer idealen Notwendigkeit erz\u00e4hlt. Drei Begriffe, mit denen sich an die Praxis der Historiker eine Geschichte der Denksysteme ankn\u00fcpfen lassen m\u00fc\u00dfte. Drei Richtungen, denen die theoretische Ausarbeitung wirdfolgen m\u00fcssen.&#8220; (3)<\/strong><\/p>\n<p><strong>Was ist an dieser Maschinerie klein und was ist daran widerw\u00e4rtig?<\/strong><\/p>\n<p>Diese Formulierung steht ja im Zusammenhang mit dem von Foucault gepr\u00e4gten Begriff des historischen Apriori. Apriori, f\u00fcr sich genommen, w\u00fcrde bedeuten, dass es Strukturen gibt, die unseren Erfahrungen vorausgesetzt sind und die mehr oder minder \u2013 nach dem Kantischen Modell \u2013 unver\u00e4nderlich sind. Wenn nun Foucault von einer widerw\u00e4rtigen kleinen Maschinerie spricht, die das durcheinanderbringt, dann meint er, dass in diesen Apparat des Apriori so etwas wie Geschichte eingef\u00fchrt wird. Das hei\u00dft, die Strukturen, die unserer Erfahrung vorauslaufen, sind nicht f\u00fcr alle Zeit befestigt, sondern werden durch die Maschinerie des Historischen untergraben. Damit gibt es etwas innerhalb der Strukturen, das sie in gewisser Weise st\u00e4ndig umarbeitet, umpfl\u00fcgt und dann tats\u00e4chlich dazu f\u00fchrt, dass sie zu einer bestimmten Zeit in eine andere Struktur transformiert wer\u00adden k\u00f6nnen. Ich glaube, das ist ungef\u00e4hr das, was Foucault an anderer Stelle mit dem R\u00e4tselhaften umschreibt, also dieses Moment, was daf\u00fcr sorgt, dass eine Struktur sich nicht nur immer selbst reproduziert, sondern irgendwann auch katastrophisch umkippt und in etwas anderes transformiert wird. Und widerw\u00e4rtig? Ja, das ist nat\u00fcrlich f\u00fcr den Strukturalismus widerw\u00e4rtig: die Annahme, dass es keine ewigen und rein geistigen Strukturen gibt, sondern dass die Zuf\u00e4lle und Unf\u00e4lle der Geschichte diese Strukturen st\u00e4ndig umpfl\u00fcgen. Es ist ganz witzig, dass Foucault das zu einer Zeit schreibt, zu der auch Felix Guattari seinen Aufsatz <em>Maschine und Struktur<\/em> geschrieben hat, in dem es um die gleiche Entgegensetzung geht: (4) Einerseits die Strukturen, die als ewig und unver\u00e4nderlich gefasst werden, und auf der anderen Seite ein kleines subversives Element, das diese Strukturen durchl\u00e4uft und daf\u00fcr sorgt, dass sie sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndern. Das ist letztendlich das Einsetzen von Post-Strukturalismus in der strukturalistischen Episteme.<\/p>\n<p><strong>Unser Heft f\u00e4ngt mit einem Zitat von Sigfried Giedion an, n\u00e4mlich mit dem ber\u00fchmten Kaffeel\u00f6ffel, der auch die Sonne spiegelt. Giedion setzt in Herrschaft der Mechanisierung aus kleinen, sehr detaillierten Beobachtungen eine gro\u00dfe Episteme der Mechanisierung zusammen. Wie geht das, dass man aus kleinen Erz\u00e4hlungen doch gro\u00dfe Geschichte machen kann?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt ja eine lange Tradition dieser Methode, im Kleinsten das Gro\u00dfe zu finden oder zu rekonstruieren. Letztendlich ist das eine alte magische Vorstellung, dass es eine Entsprechung zwischen Mikro- und Makrokosmos gibt, dass das kleinste Detail etwas aussagt \u00fcber die Struktur des Ganzen. Man findet das bei Walter Benjamin, wenn er sagt, dass man in jedem einzelnen Moment den Kristall des Totalgeschehens finden kann. So sagt die kleinste Beobachtung, die man vor dem Schaufester einer Pariser Passage machen kann, etwas \u00fcber die gesamte kapitalistische Warenwirtschaft aus. Die Gefahr, die m\u00f6glicherweise in so einem Ansatz\u00a0 liegt, ist vielleicht die der willk\u00fcrlichen Auswahl, dass man, wenn man sehr viele Einzelstudien aneinanderreiht, vielleicht nicht so ganz plausibel machen kann, warum genau diese und warum nicht andere. Oder, dass die einzelnen Episoden so ausgesucht werden, dass sie eine bestimmte durchlaufende These nur allzu gut best\u00e4tigen. Die gro\u00dfe Chance sehe ich aber darin, nicht auf der allerallgemeinsten Ebene stehen zu bleiben und tats\u00e4chlich immer nur die gro\u00dfen und auch als gro\u00df approbierten und anerkannten Medien zu ber\u00fcck\u00adsichtigen. So h\u00e4lt sich Giedion an die kleinen und kleinsten technischen Erfindungen, nicht an die gro\u00dfen, sogenannten epochenmachenden Neuerungen. Auf diese Weise kann er zeigen, wie Mechanisierung den Alltag der Menschen ergreift und auf dieser Ebene wirksam wird.<\/p>\n<p>Insgesamt liegt darin aber nat\u00fcrlich ein Darstellungsproblem, das auch mir selber gerade zu schaffen macht, n\u00e4mlich bei meinem Lichtprojekt. Ich will eine Geschichte des Lichts in der Fr\u00fchen Neuzeit schreiben, die in allen Registern spielt, also nicht nur Physikgeschichte des Lichts, nicht nur Kunstgeschichte, nicht nur Theologiegeschichte, nicht nur Metapherngeschichte, nicht nur Alltagsgeschichte, sondern eben alles zusammen. Es ist unm\u00f6glich, so etwas \u00fcber einen Zeitraum von 300 Jahren durchzuf\u00fchren, wenn man sich nicht auf ganz bestimmte Stationen beschr\u00e4nkt. Dabei ist es immer mein Ehrgeiz, Situationen zu finden, die f\u00fcr sich selbst genommen schon interessante Komplexe, ich nenne sie auch Intrigen, bilden. Also Geschichten, in denen alles, was mich interessiert, schon vorkommt, wo ich nicht mehr etwas hineinkonstruieren oder aus anderen Kontexten einflie\u00dfen lassen muss, sondern wo ich eine historische Episode habe, die so stark ges\u00e4ttigt ist mit interessanten Details und Bez\u00fcgen, dass ich letztendlich das Ganze nur noch aufzuschreiben brauche.\u00a0 Die gro\u00dfe Schwierigkeit ist, so etwas zu finden. Es erfordert wirklich eine brutale Geduld und vor allem auch letztendlich Gl\u00fcck, auf solche Geschichtchen zu sto\u00dfen, weshalb man es nicht so einfach planen kann. Es ist tats\u00e4chlich ein Projekt, das von sich aus ein gewisses Entgegenkommen zeigen muss, damit es zu irgendwas f\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie uns ein Beispiel f\u00fcr eine solche Station nennen?<\/strong><\/p>\n<p>In einem Fall geht es zum Beispiel um eine wunderbare Augenwendung in der M\u00fcnchner Peterskirche des Jahres 1783. Eine gemalte Madonna verdreht die Augen, was als gro\u00dfartiges Wunder gefeiert wird. Dieses Ereignis wird von einem sehr pfiffigen jesuitischen Astronomen als optische Augent\u00e4uschung auseinandergelegt, der sich dabei auf die gerade erst entwickelte Photometrie von Johann Heinrich Lambert st\u00fctzt. Hier findet sich also das avancierteste wissenschaftliche Wissen der Zeit im finstersten Bayern wieder, am \u00e4u\u00dfersten Rand des aufgekl\u00e4rten Europas. Diese Episode gibt eine gro\u00dfartige Gelegenheit, eine Reihe von Geschichten zu erz\u00e4hlen \u00fcber das Zusammensto\u00dfen von Aufkl\u00e4rung und Volksaberglauben, von Barock und Klassizismus, von katholischem Augenaufschlag und dem geraden Blick des Aufkl\u00e4rers und so weiter. (5) Situationen zu finden, die so etwas hergeben und sich gut erz\u00e4hlen lassen, damit verbringe ich meine Zeit.<\/p>\n<p><strong>Wir finden es spannend, uns eine Mediengeschichte\u00a0 vorzustellen, in der rationale Erkl\u00e4rungen gleichberechtig neben irrationalen Ph\u00e4nomenen stehen, wie eben in Ihrem finstersten Bayern. Belassen Sie es in Ihrer Beschreibung bei der historischen Rekonstruktion oder kann man die Erkenntnisse einer solchen Mediengeschichte auch auf die Gegenwart beziehen?<\/strong><\/p>\n<p>Man kann sich nat\u00fcrlich fragen: Warum das Ganze? Warum sollte man Mediengeschichte jetzt anders erz\u00e4hlen, als sie immer erz\u00e4hlt wurde? Eine Variante einer solchen anderen Geschichte liefert beispielsweise Siegfried Zielinski, der den Begriff der Medienarch\u00e4olgie gepr\u00e4gt hat. Er versucht den versch\u00fctteten Str\u00e4ngen der Medienentwicklung nachzugehen und den Medien der Vergangenheit Genugtuung zu verschaffen, die nicht verwirklicht wurden. Er geht den aus unserer Sicht toten Kan\u00e4len der Entwicklung nach und erforscht, was es alles an skurrilen und teilweise auch gro\u00dfartigen Erfindungen gegeben hat, die aber nicht anschlussf\u00e4hig waren. Den Skurrilit\u00e4ten der Vergangenheit nachzugehen finde ich in Ordnung, um der Rettung der Vergangenheit willen, aber f\u00fcr mich w\u00e4re Mediengeschichte immer auch als gegenwartsdiagnostisches Ph\u00e4nomen wichtig. Deshalb geht es mir bei meinen medienhistorischen Arbeiten weniger darum, was es alles an Medien-Diversity gegeben hat, sondern eher darum, wie Medien-Werden funktioniert. Wenn man sich die Geschichte ansieht, merkt man, dass alle Medienformationen aus einem Gewirr von sehr unterschiedlichen und sehr widerspr\u00fcchlichen Entwicklungen hervorgegangen sind. Es gibt eine Unvorhersehbarkeit in der Technikentwicklung, die es verbietet, simple Extrapolationen in die Zukunft zu ziehen. Ich w\u00fcrde stattdessen sagen, alles ist komplett offen und man muss sowohl mit dem Schlimmsten als auch mit dem Besten rechnen. Man kann aus vergangenen Medienentwicklungen nicht ableiten, dass die Sache kontinuierlich weitergeht und sich bestimmte gro\u00dfe Entwicklungen immer im Anschluss an anderes Gro\u00dfes entwickeln werden. Ich denke, es gibt tats\u00e4chlich so eine Art kleine widerw\u00e4rtige Maschine, die daf\u00fcr sorgt, dass unvorhersehbare Dinge passieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Interview haben Johannes Hess und Fabian Kirchherr f\u00fcr die eject gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>* * *<\/p>\n<p>1 Vgl. Gilles Deleuze und Felix Guattari: Tausend Plateaus, \u00fcbers. von Gabriele Ricke und Ronald Voullie. Berlin: Merve 1992, s. 113f.<\/p>\n<p>2 Stephan Gregory: <a href=\"http:\/\/www.von-anderen-medien.de\/mediengeschichte\/medien-und-mediationen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Medien und Mediationen. Was hei\u00dft und wie weit reicht Mediengeschichte?<\/a><\/p>\n<p>3 Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses, \u00fcbers. von Walter Seitter. Frankfurt a.M.: Fischer 2010, S. 38.<\/p>\n<p>4 Vgl. Felix Guattari: Maschine und Struktur. In: ders.:Psycho\u00ad therapie, Politik und die Aufgaben der institutionellen Analyse, \u00fcbers. von Grete Osterwald. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1976,S. 127-138.<\/p>\n<p>5 Siehe Stephan Gregory: Das Wei\u00dfe im Auge. Geschichte eines Lichtflecks.\u00a0 http:\/\/www. langsamesl icht.com\/html\/dt\/ essays_3. html (Zugriff am 10.6.17)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gespr\u00e4ch mit Johannes Hess und Fabian Kirchherr. In: eject. Zeitschrift f\u00fcr Medienkultur, Ausgabe 7: &#8222;Das Kleine&#8220;, Weimar 2017, S. 118-143. Lieber Herr Gregory, Ihr erstes Buch tr\u00e4gt den Titel Wissen und Geheimnis. Das Experiment des Illuminatenordens.\u00a0 Ihr zweites Buch hei\u00dft Mysterienfieber. Das Geheimnis im Zeitalter <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/gregory.es\/index.php\/medien-geschichte\/kleine-geschichten-und-widerwaertige-maschinerien-2\/\">weiterlesen&#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":39,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-158","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gregory.es\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/158","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gregory.es\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/gregory.es\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gregory.es\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gregory.es\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=158"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/gregory.es\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/158\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":159,"href":"https:\/\/gregory.es\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/158\/revisions\/159"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gregory.es\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/39"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gregory.es\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=158"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}